Dorothea Dorfstecher wurde 1929 geboren und wuchs in Berlin-Charlottenburg auf. Sie war begabt, aber für Mädchen aus Berliner Kleinbürgerverhältnissen waren besondere Entfaltungsmöglichkeiten nicht vorgesehen. Üblich war oft, nach der Volksschule "auf Haushalt zu lernen" und zu heiraten. Das konnte ihr Traum vom Leben nicht sein!
Aus eigenem Antrieb erweiterte sie ihren Horizont, entwickelte Phantasie, Talent, Geschicklichkeit und profitierte gerade in der Not von ihrem Erfindungsreichtum, von ihren sprudelnden Ideen. Von Natur aus neugierig, sog sie auf, was an Lesestoff im häuslichen Bücherschrank zugänglich oder als Reclam-Heft günstig zu erstehen war. Viel zu jung, um die literarischen Werke wirklich zu durchdringen, entdeckte sie zwischen den Buchdeckeln doch jene aufregenden, fremden Welten und Gedanken, die sie faszinierten. In der Volksschule war darüber wenig zu erfahren. Und ein eigener Kopf war auch nicht gefragt. Stattdessen wurde auswendig gelernt, was der nationalsozialistischen Ideologie dienlich war.
1940 wurden die Schulkinder evakuiert, der Unterricht wurde notdürftig, also noch schlichter, weitergeführt. Lange getrennt von der Familie, mußte sie lernen, ihr Heimweh zu bewältigen und Verantwortung zu übernehmen, nicht nur für sich selbst, sondern als "Stubenälteste" für ein ganzes Zimmer.
Trotzig ging Dorothea 1943 ins "Landjahr" nach Ostpreußen. Lieber bei der Feldarbeit schuften bis zum Umfallen, als das "Pflichtjahr" im Haushalt zu absolvieren, womöglich noch in einem Nazi-Haushalt! Nach ihrer Rückkehr trat sie auf Betreiben ihrer Mutter, mitten im Bombenhagel, ihre Schneiderlehre an.
Sie heiratete nach dem Krieg, bekam ihre einzige Tochter. Nicht zuletzt für diese schrieb sie in ihrer sehr lebhaften Art auf, was ihr widerfahren war. Ihren bewährten Fluchtwelten wie Theater, Musik und Literatur blieb sie treu, solange sie lebte. Sie starb 1998 an Krebs.
Ein Gedicht des Romantikers Novalis sprach ihr aus der Seele und begleitete sie ihr Leben lang:
Wer Schmetterlinge lachen hört,
der weiß, wie Wolken schmecken.
Der wird im Mondschein ungestört
von Furcht die Nacht entdecken.
Der wird zur Pflanze, wenn er will,
zum Tier, zum Narr, zum Weisen
und kann in einer Stunde
durchs ganze Weltall reisen.
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