Dorothea wuchs in einfachen Verhältnissen auf, die vierköpfige Familie lebte in Stube und Küche - nichts Ungewöhnliches für Arbeiter und kleine Angestellte jener Zeit. Trotz geringer finanzieller Mittel genossen die Bewohner die Geborgenheit ihres Heims und pflegten ihre Hobbys. Wie schön und spannend diese Umgebung für ein dreijähriges, phantasiebegabtes Mädchen war, zeigt folgender Textausschnitt:
In den unruhigen Jahren, bis zum Sommer 1933 etwa, ließ Mutter mich nicht allein auf die Straße. Aus gutem Grund, denn es gab Krawalle und Schießereien. An eine kann ich mich erinnern. Es war im Sommer 1932, als Mutter am Vormittag mit mir einkaufen ging und plötzlich ganze Salven von Schüssen losgingen. Alle Leute rannten, um sich in Sicherheit zu bringen, und wir fanden Schutz in einer Toreinfahrt. Mutter drängte mich an die Wand und stellte sich davor, was mir natürlich nicht gefiel – ich wollte sehen, was da so einen herrlichen Rabatz machte. Als wir unversehrt wieder zu Hause waren, stellte Mutter erleichtert die Einkäufe ab und griff zum Baldrianfläschchen.
Zuhause – das Nest, in dem ich mich geborgen fühlte. Es bestand aus Stube und Küche und bot nicht nur uns vier Personen Platz, sondern auch etlichen Viechern. Die Küche war etwas eigenartig gebaut. Sie lag höher als der Korridor und war über fünf Stufen zu erreichen, hatte an der Längswand, vom Fenster bis etwa zur halben Raumlänge, einen gemauerten Sockel, der in Höhe und Breite einem heutigen Küchenunterschrank gleichkäme. Die Oberfläche war mit braunem Linoleum bedeckt, ein idealer Platz zum Spielen für mich. Dort stand auch das Puppenhaus. In diesem Bereich, unter der Decke hängend und fest an die Wand gedübelt, befand sich eine Vogelvoliere mit einem knappen Dutzend Wellensittichen. Das war eines von Vaters Hobbys und Mutters großer Ärger. Die lieben Vögelchen kreischten und zwitscherten den ganzen Tag. Aber was viel schlimmer war, sie machten Dreck! Dauernd stoben die Federn.
Vaters zweites Hobby stand auf der Fensterbank und war ein Aquarium. Darin experimentierte er mit allerlei Wassergetier, und Mutter war entsetzt, wenn das sich gegenseitig auffraß. Außerdem versperrte das Aquarium den freien Zugang zu ihrem Hobby, den prachtvollen Geranien auf dem Fensterbrett. Ein weiterer Bewohner der Küche war Hänschen, der Kanarienvogel. Er spielte verrückt, wenn Mutter mit dem Hut auf dem Kopf in die Küche kam. Wenn ich dann in all dem Gezwitscher und Geflatter noch auf der Mundharmonika oder dem Xylophon spielte, sagte Mutter: „Ein Glück, daß wenigstens die Fische stumm sind!“
Dann und wann diente die Küche auch als Schießstand. Wir Kinder wurden aus der Gefahrenzone verbannt, Mutter zog sich in die äußerste Ecke zurück, und Vater brachte sein „Ziel“ in Position. Das war ein Mann aus Eisenblech, der pfeiferauchend im Schaukelstuhl saß. Mittels zweier Zacken lose auf einen Ständer gesetzt, konnte man ihn dank eines Gegengewichtes zum Schaukeln bringen. Zahlreiche Dellen zeugten von Vaters Treffsicherheit. Um den nötigen Abstand zu gewinnen, wurde die Küche in der Diagonale durchschossen. Mutter verließ ihren sicheren Winkel nur, argwöhnisch die Flinte beäugend, um den Schaukelmann erneut in Gang zu setzen. Sie war froh, wenn die Flinte wieder in ihrem Futteral verschwand. Aber die Schießübungen waren doch recht nützlich.
In unserer Gegend gab es eine Menge Katzen, die herumstreunten. Zur Zeit der Rolligkeit machten sie ihr nächtliches Spektakel, und das setzte meine Phantasie in Gang. Dieses infernalische Gekreische konnte nur von bösen Hexen kommen, die auf ihren Besen durch die Höfe sausten und nach kleinen Kindern suchten, „um sie zu braten im Ofen braun wie Brot“. Von wegen, das sind nur Katzen! Wo ich doch genau wußte, daß die nur „Miau“ machten und leise schnurrten.
Das alles war zuviel für Vater: Das Gekreische im Hof und mein Angstgeheule, wer sollte denn dabei schlafen können. Also raus aus dem Bett, die Flinte geholt, durchgeladen... Mutter: „Aber Stani, das kannst du doch nicht machen, wenn das jemand sieht, der Ärger...“ – „Ach Quatsch“, sagte dann der Mann mit dem Jagdfieber, „wir wollen schlafen, die anderen auch, wer soll mich schon sehen, sollen sie ihre Katzen doch einsperren!“ Dann schob diese Mischung aus Wilddieb und Winnetou im Nachthemd vorsichtig den Gewehrlauf durch die Gardine, durch den Fensterspalt und legte sich auf die Lauer. Wunderbar abenteuerliche Minuten lang. Dann ein Knall, ein kurzes Aufkreischen, danach war endlich Ruhe. Winnetou wurde wieder Stani, der zufrieden in sein Bett stieg, ich war beruhigt und bewunderte meinen Papa, den Hexentöter. Er war knapp 32 Jahre alt und mußte ab und zu einen Streich verüben.
Am nächsten Tag gab es Gesprächsstoff: „Haben Sie schon gehört, da hat doch jemand eine Katze erschossen!“ Und Mutter ganz empört: „Aber wer macht denn sowas, ist ja schrecklich!“ Später dann zu mir: „Du hältst den Mund! Ganz egal, was in unserer Wohnung gesagt oder getan wird, du hältst den Mund!“ Das wurde Gesetz für mich, im Dritten Reich wäre es sonst lebensgefährlich gewesen.
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