Leseprobe

 
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Die letzten Kriegstage

Nach einem Bombenangriff auf das Wohnhaus der Familie, bei dem Dorotheas Mutter ums Leben kam, fand sie Unterkunft bei Tante Lola und Onkel Hans, die ein paar Straßen entfernt wohnten. Ein junger Medizinstudent, der im selben Haus gewohnt hatte wie Dorothea und ebenfalls den Namen Hans trug, begleitete Dorothea zu ihren Verwandten und kam einige Tage später durch Zufall in der Nähe unter.


Onkel Hans hatte sich aus Jena irgendwie nach Berlin durchgeschlagen. Auch für ihn fand sich ein Schlafplatz im Keller, in den alle möglichen Liegen hinunter geschleppt und so gut es ging untergebracht worden waren. Mein Platz war direkt an der Kellertreppe, so hatte ich wenigstens etwas frische Luft. Der Straßenkampf tobte nun am Bahnhof Charlottenburg, Kaiser-Friedrich- und Wilmersdorfer Straße und in den Querstraßen dazwischen. Die Haustür hatte den Kämpfen nachgegeben, unser Haus war nur durch eine Mauer von den Höfen der Wilmersdorfer Straße getrennt, und diese Verbindung wurde von Soldaten aller Nationen genutzt. So konnte es passieren, daß man erst einen toten Soldaten wegziehen mußte, bevor man das einzig mögliche Klo im Parterre benützen konnte. Und das so schnell wie möglich, bevor man dem Kameraden vor der Tür Gesellschaft leistete.

Als ich morgens aufwachte, stand oben an der Kellertreppe ein russischer Soldat, schaute herunter und machte die Kellertür wieder zu. Augenblicklich war ich hoch, ging zu den Leuten und sagte, daß die Russen da seien und jeden Moment in den Keller kommen würden. Die alte Geschichte, man wollte es nicht glauben, woher ich das denn wissen wolle, etc. Ja glaubten die Leute denn, wir blieben in unserem Kellerloch unentdeckt? Hans sagte nur: “Jetzt ist es soweit, was auch immer geschieht, nimm es nicht so schwer. Dieser Krieg darf uns nicht zerstören, innerlich, verstehst du?“ Bald darauf kamen vier Russen mit Maschinengewehren in den Keller, fuchtelten damit herum, brüllten die Männer an: „Du Soldat“ und trieben sie nach oben auf den Hof, wo sie sich nebeneinander an die Hauswand stellen mußten. Wir waren voller Angst, daß sie nun erschossen würden.

Wir im Keller wurden gründlich ausgeplündert, besonders auf Uhren hatten sie es abgesehen. Dann zogen sie mit ihrer Beute ab und wir machten, daß wir aus diesem düsteren, muffigen Keller herauskamen. Mir gelang das nicht, ein sehr großer Kerl mit platter Nase, Schlitzaugen und Blatternnarben packte mich am Mantel und brüllte mich an: „Du zeigen wo deutsche Soldat!“ Ich versuchte natürlich, mich loszureißen, aber der Gewehrkolben, der mich daraufhin zwischen den Schulterblättern traf, war sehr hart, es tat höllisch weh und mich packte die Wut. Ich drehte mich um und brüllte jetzt ihn an: „Hier ist kein Soldat!“ Er hob das Gewehr als wollte er schießen, das war mir egal, also schrie ich ihn an: „Na los, du feiger Hund, schieß doch!“ Ich weiß nicht, was ich noch an Beschimpfungen auf den Kerl abgeschossen habe. Er warf sein Gewehr auf den Boden und es begann ein Ringkampf, bei dem ich keine Chance hatte. Es ist schwer, einen zappelnden Fisch festzuhalten, es sei denn, man schlägt ihn auf den Kopf. Zu meinem Glück tat er das nicht. Diesen typischen russischen Soldatengeruch nach Machorka und jahrelang getragener Uniform konnte ich lange Zeit nicht vergessen, noch Jahre später wurde mir bei dem Gedanken daran übel.

Die Männer standen immer noch an der Hauswand, wurden später auf die Straße hinausgeführt, wo eine lange Kolonne von ihnen aus allen Häusern gebildet wurde. Auch die Frauen sollten nun das Haus verlassen. Ich hatte versucht, mit Kopftuch, verschmiertem Gesicht und grauem Haar (mit weißer Wandfarbe vom Treppenhaus eingeschmiert) mich so häßlich wie möglich zu machen. Trotzdem ließ man mich nicht mit den anderen gehen. Mit vorgehaltenem Gewehr wurde ich in eine Wohnung im ersten Stock dirigiert und unter Bewachung dort festgehalten. Vor der Tür standen zwei polnische Soldaten, von denen einer perfekt Deutsch sprach. Er deutete auf meine „Tarnung“ und sagte: „Das nützt gar nichts.“ Wir unterhielten uns eine Weile, er erzählte mir, daß er ein Mädchen in Thüringen hätte. Es wäre auch sinnlos, wenn er mich laufen ließe, ich würde nicht einmal über den Hof kommen. „Geh jetzt in die Wohnung, ich will sehen, ob ich etwas tun kann.“

In der Wohnung waren einige Russen, die diesen scheußlichen Machorka rauchten, sehr freundlich mit mir taten und meine Ablehnung mit einem Paket Würfelzucker beschwichtigen wollten. Ich stellte mich an das Küchenfenster und überlegte, ob ich einen Sprung aus dieser Höhe unbeschadet überstehen könnte. Das war unwahrscheinlich, außerdem überzeugte mich ein Blick hinunter, daß ich dadurch vom Regen in die Traufe kommen würde. Ab und zu kamen andere Soldaten herein, brachten etwas für mich und lachten, wenn ich das Zeug wegstieß. Wieviel Zeit vergangen war, könnte ich nicht sagen, es waren zwei oder drei Stunden, als der polnische Soldat mit einem Offizier zurückkam, der sehr barsch mit den Soldaten umsprang, mich aus der Wohnung holte und über den Hof zur Straße führte. Glück gehabt! Hoffentlich hatten der junge Pole und sein Mädchen auch Glück.