Leseprobe

 
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Januar 1933


Dorothea hatte gerade ihren vierten Geburtstag gefeiert, als Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt wurde und kurz darauf, am 1. Februar des Jahres, den Reichstag auflöste. Die letzten Wahlen der Weimarer Republik, an denen mehr als eine Partei teilnahm, wurden im März abgehalten. Aus der ganz subjektiven Sicht der Autorin stellte sich diese spannende Zeit folgendermaßen dar:


An den Januar 1933 kann ich mich gut erinnern. Es lag eine gewisse Spannung in der Luft, die Eltern führten lange Gespräche, von denen ich nichts verstand. Ich bemerkte nur, daß es ungeheuer Wichtiges sein mußte, etwas zwischen Hoffen und Bangen, das gut oder schlecht ausgehen konnte. Nun, als ich beruhigt sein konnte, daß die Diskussionen nicht unseren häuslichen Frieden betrafen, war es mir egal, worum es ging.

Ärger gab es, als Ursel eines Tages einen Liedertext als Hausaufgabe lernen sollte, der begann: „Unsre Fahne flattert uns voran“, und endete: „Ja die Fahne ist mehr als der Tod“. Mutter schäumte förmlich vor Wut, Kindern solche verstiegenen, idiotischen Ideen in den Kopf zu setzen. Ha, da war was los in unserer Küche, wo sich meistens die wichtigen Dinge des Lebens abspielten. Mutter: „Ich verbiete dir, solchen Mist nachzuplappern.“ Ursel: „Aber wir müssen das alle lernen, wegen dem Fackelzug.“ – „Welcher Fackelzug?“ – „Na, am 30. Januar in der Wilhelmstraße, wenn Hitler Reichskanzler wird, da gehen fast alle aus der Klasse hin, abends, mit Fackeln...“ – „Na, das fehlte noch, kommt nicht in Frage, du gehst nicht!“ Bis zum 30. war noch viel Zeit zum Diskutieren. Ich glaube es war das erste Mal, daß Wünsche oder Anordnungen der Eltern diesem „Wir-müssen-alle“-Denken nachgaben. Schließlich, ein Fackelzug, ist ja eigentlich nichts dabei. Für alle Fälle gingen die Eltern „aufpassen“! Es war ein ziemliches Gedränge. Ich saß auf Vaters Schultern und sah Fahnen, Fackeln und viel Qualm durch die Wilhelmstraße ziehen. „Siehst du sie, siehst du die Ursel?“ Nein, die Ursel sah ich nicht, nur eben Fahnen, Fackeln und viel Qualm. Welch ein Omen für die kommende Zeit.

Dann begann die Zeit der Sammelbüchsen. Die „NSDAP“ (National Sozialistische Deutsche Arbeiter Partei) brauchte Geld, viel Geld, die großzügigen Spenden der Sympathisanten aus der Industrie reichten nicht aus. Und da schon immer von der jeweiligen Staatsgewalt den armen Leuten durch Erzeugen von Mitleid die kargen Groschen aus den schmalen Geldbeuteln gezogen wurden, bediente man sich dieses Mittels und schuf die „Winterhilfe“. Es wurde auf den Straßen gesammelt, damit Hilfsbedürftige Kohlen und warme Kleidung bekommen konnten. Es ist heute nicht mehr nachzuweisen, wieviel von diesem Geld in andere Kanäle geflossen ist. In der „Wochenschau“ im Kino konnte man aber sehen, wie die armen Leute sich darüber freuten. Dagegen ist nichts einzuwenden, nur dieses penetrante und allgegenwärtige „Dank unserem Führer Adolf Hitler“ war unerträglich. Dank unserem Führer, dem Anstreicher! Gelernt ist gelernt, wir wurden meisterlich angeschmiert in den kommenden Jahren. Noch ehe „Otto Normalverbraucher“ wirklich erkannt hatte, wo es lang ging, hatte der Zug volle Geschwindigkeit und war nicht aufzuhalten. Damit will ich es bewenden lassen, jede Zeit macht ihre Politik, und jede Politik macht ihren eigenen Mist.

Wie gut hat es ein Kind, dem alles ein Spaß ist. So fand ich dieses Sammelbüchsengeklapper sehr lustig und wollte mitspielen. Irgendein Optimist hatte mir eine Sparbüchse geschenkt, aus Blech, mit dem Berliner Bären auf weißem Grund, oben und unten mit breiten roten Streifen begrenzt. Sie sah fast so aus wie die echten Sammelbüchsen und schepperte auch so schön, nachdem ich ein paar Knöpfe aus Mutters Knopfschachtel hineingesteckt hatte. „Ich geh runter, spielen“, rief ich Mutter zu und flitzte aus der Wohnung. Nach längerer Zeit wurde sie unruhig, wo ich so lange blieb. Also ging sie hinunter auf die Straße, um mich zu suchen. Dafür brauchte sie nicht lange. Eine Frau sprach sie an: „Suchen Sie Ihre Kleine? Die ist da hinten an der Ecke und sammelt für die Winterhilfe.“ Und das war nicht gelogen. Ich vierjähriger Krümel heischte lauthals „10 Pfennich für die Winterhilfe!“, schwang heftig meine Klapperbüchse und benahm mich genauso aufdringlich, wie ich es bei den Sammelprofis gesehen hatte. „Was fällt dir ein“ sagte Mutter nur, glühend vor Zorn, und eilte im Laufschritt, mich hinterherzerrend, die Straße entlang. Nur fort vom Ort dieser Schande in die rettenden vier Wände. Ich verstand die ganze Aufregung nicht, hab doch so schön gespielt. „Aber versteh doch“, sagte Mutter, „die Leute denken womöglich, wir schicken dich zum Betteln auf die Straße, wer glaubt schon, daß du dir selber so etwas ausdenkst.“ Letzteres war mir vertraut, man glaubt mir etwas nicht. Erwachsene verstehen eben nicht alles. „Und wenn die anderen mit der Büchse klappern und 10 Pfennig wollen, dann betteln die nicht?“ – „Das ist etwas anderes“, sagte Mutter. Aha!