Als Dorothea sieben Jahre alt ist, ist sie fasziniert von den Feierlichkeiten und der großen Welt, die anläßlich der Olympischen Spiele nach Berlin kommt:
Als ich nach der Landverschickung wieder nach Hause kam, hatte sich Berlin geputzt, war blitzsauber, sozusagen „olympiafein“. Alles Störende wurde beseitigt, auch Bettler und obdachlose Penner. Antisemitische Parolen verschwanden von Plakaten und aus den Zeitungen, denn die Sportler aus aller Welt hatten Bedenken, in ein Land zu fahren, in dem Menschen verfolgt wurden. Olympiapräsident Avery Brundage reiste aus Amerika an, um zu sehen, was hier los war. Er berichtete begeistert nach Hause: Alles o.k., es gibt nicht einmal Taschendiebe. Wie sollte es auch, alle verdächtigen Elemente wurden kurzerhand in „Schutzhaft“ genommen. Die ausländischen Besucher konnten überzeugt zu Hause berichten: „Alles nicht so schlimm, Germany ist in Ordnung“. Die Täuschung war gelungen, das hatte Hitler erreichen wollen.
Die Jugend der Welt kam also nach Berlin, die Stadt wurde zur weiten Welt für mich, ja für alle Berliner. Heute, wo fast jeder in der Welt herumreisen kann, ist das nichts Besonderes mehr. Die Inderinnen in ihren Saris, mit dem wundervollen Schmuck im Gesicht, an Händen und Füßen, waren so schön, daß ich meine Augen nicht abwenden konnte. „Man gafft die Leute nicht so aufdringlich an“, sagte Mutter. Meine logische Frage, wozu sich jemand so schön macht, wenn keiner hinschauen soll, wurde sehr unzureichend beantwortet. Man tut es nicht, basta. Indien wurde das Märchenland für mich. Vater schenkte mir das Buch „1001 Nacht“, mit wundervollen Bildern. Es wurde eine Zeit lang mein Lieblingsbuch, ich hatte ja ein Stückchen davon wirklich gesehen. Etwa zwei Jahre später, als ich anfing, mich für Vaters Bücherschrank zu interessieren, fand ich das Buch „Indien und ich“ von Hans Heinz Evert. Dieses Werk rückte mein Indienbild etwas zurecht, denn glanzvolle Saris und Schmuck gab es sehr wenig, aber viel Armut, Staub auf ausgedörrten Ebenen und Bettler, die sogar heilig waren. Die Bilder der vielen Götter und Tempel beeindruckten mich kolossal, waren aber ganz und gar nicht kindgerecht, weil zu erotisch, was von mir völlig unbemerkt blieb.
1936 war das Jahr der großen Euphorie. Immer gab es etwas zu bejubeln, in meiner Erinnerung war selbst das Wetter immer schön. Wirklich schön war ein Blumenkorso. Die elegantesten Autos, Maybach, Horch, Rolls Royce, Mercedes und viele andere, waren über und über mit Blumen geschmückt. Die Damen darin hinreißend schön und kostbar gekleidet, viel Prominenz darunter.
Die prachtvolle Kolonne fuhr langsam die Kantstraße hinunter, vom Beifall der Menge begleitet. Ein Hauch große Welt, Nizza oder Monte Carlo, zog vorbei, und das Leben lachte! Die sportlichen Ereignisse wurden im Film aufgezeichnet und in der Wochenschau im Kino gezeigt. Leni Riefenstahl drehte einen Olympiafilm, der uns wirklich begeisterte. Die Tendenz war deutlich, aber der Film war fabelhaft, hatte tolle Einstellungen. Später, als das Tausendjährige Reich nicht mehr existierte, stellte man sie dafür an den Pranger. „Man“, das waren diejenigen, denen es niemals passiert wäre, einer falschen Sache zu dienen, weil sie immer den totalen Durchblick hatten.
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