Leseprobe

 
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Aus der Schule geplaudert


Dorothea ging nicht besonders gerne zur Schule, nicht zuletzt weil sie sich dort so oft gelangweilt und von den Lehrern ungerecht behandelt gefühlt hat. So hat die Achtjährige 1937 Schule erlebt:


Das dritte Schuljahr brachte nichts besseres als die vorangegangen. Wir hatten jetzt Turnstunden, vor denen mir grauste, und Erdkunde, welche ich sehr mochte. Dank der vor Jahren eifrig gehörten Wasserstandsmeldungen konnte ich die Flüsse im wahrsten Sinne „fließend“ hersagen. Nur hätte ich nicht kundtun sollen, daß meine Wissenschaft von eben diesen Meldungen stammte. Das brachte mir spöttisches Gelächter seitens der Klasse ein. Dumme Gänse! Aber es wurmte mich mächtig, so ungerechtfertigt ausgelacht zu werden. Es sollte mir eine Lehre sein: Gegen Dummheit kämpfen selbst Götter vergebens. Leider kannte ich diesen Satz damals noch nicht, er hätte mich getröstet. Obwohl, etwas schlauer hätte ich inzwischen auch sein können. Die glatte Wahrheit zu sagen, war anscheinend nicht immer ratsam.

Ich fing an, meine Hausaufgaben zu vernachlässigen, und im Unterricht war ich auch nur voll bei der Sache, wenn es mich interessierte. Zeichenstunde machte mir Spaß, und wenn wir als Hausarbeit ein Bild nach einer soeben gelesenen Geschichte malen sollten, war die Welt für diesen Tag wieder in Ordnung. Bis Fräulein Schmidt unsere Kunsterziehung übernahm, deren hervorragendes Talent in der ausgeklügelten Anordnung zahlreicher Halsketten auf ihrem Busen bestand. Außerdem trug sie an beiden Armen je ein halbes Dutzend dünner Goldreifen, so daß ihre heftigen Ausbrüche künstlerischen Schaffens an der Tafel vom Klirren des geschüttelten Metalls begleitet waren. Eigentlich klirrte sie immer. Sie brachte mir einen altvertrauten Spruch in Erinnerung: „Ich glaube dir nicht, daß du das gemalt hast.“ – „Doch, wirklich.“ – „Dann bleibst du nach dem Unterricht hier und machst es noch einmal.“ Nach 20 Minuten Nachsitzen ein kritischer Blick auf den Zeichenblock und ein schnippisches „Du kannst gehen“. Nicht etwa ein Lob für mein gelungenes Werk oder eine winzige Entschuldigung für das ungerechte Mißtrauen. Mann-o-Mann, das zieht einen runter!

So nach und nach verschwanden unsere jüdischen Mitschülerinnen, ohne Kommentar, einfach nur: „Ihr könnt gehen – nein, ihr braucht nicht wiederzukommen“. Es war beklemmend. Eines Tages hatten wir eine Lehrerin zur Vertretung, so eine mit deutschem Dutt und Parteiabzeichen. Zwecks Zensureneintrag sollten wir unsere Namen aufschreiben. Als sie meinen las, rief sie voller Entdeckerfreude: „Ha, eine kleine Tschechin!“ Bei mir schrillten die Alarmglocken, die bringt es fertig und schickt mich auch nach Hause! Also stand ich artig auf und log mit braver Unschuldsmiene: „Oh nein, unsere Familie kommt aus Ungarn.“ Ich wußte, daß man gegen die Ungarn nichts einzuwenden hatte, vielleicht weil der Österreicher Hitler noch aus der k. u. k. - Zeit eine gewisse Affinität zu diesem Volksstamm hatte. War mir auch egal warum, nur nicht Polin oder Tschechin sein. Mißtrauisch beäugte sie mich, aber ich blieb bei meinen ungarischen Vorfahren, wohl wissend, daß der Name Sledz so wenig ungarisch war wie nur was. Mir fiel ein Stein vom Herzen, als sie sich zufrieden gab. Was hätte mir schon passieren können, außer, daß sie mich schikaniert hätte, um meine Minderwertigkeit zu beweisen. Das konnte ich mir sparen.