Dorothea war weder von der Schule, noch vom zunehmenden Gruppenzwang sonderlich begeistert. Lieber ließ sie ihre Phantasie spielen und von den vielen interessanten Menschen im Bücherschrank anregen. So zog sich die Leseratte gerne in ihre vier Wände zurück:
Damit wendete ich mich wieder Vaters Bücherschrank zu und entdeckte einen Schatz! Goethes „Faust“, mit ausführlicher Beschreibung der Bühnenbilder und Verwandlungen. Es ist in Wien 1895 auf wunderbarem Papier wunderschön gedruckt worden, ich besitze es heute noch. Anfangs war es nur die Neugier darauf, was dieser berühmte Goethe da verzapft hat, und recht schwierig, mich hineinzulesen. Aber dann war ich regelrecht eingefangen und arbeitete mich von Szene zu Szene durch. Dabei wurde meine Vorstellung von „Gut“ und „Böse“ sehr durcheinandergebracht. Das Böse war bisher immer häßlich und gemein, das Gute dagegen edel und schön. Nun fand ich Mephisto viel intelligenter und witziger als den zwar gelehrten, aber doch recht schwerfälligen Faust. Da mußte ich doch etwas falsch verstanden haben, wenn ich den Teufel amüsant fand. Es kostete mich eine lange Zeit des Nachdenkens, bis ich dahinter kam, daß der Verführer gewitzter sein mußte als sein Opfer, will er Erfolg haben. Wie gültig manche Verse heute noch sind, entdeckte ich nach einer dieser endlosen Führerreden. Nämlich, als sich Faust über das „Hexeneinmaleins“ wundert, sagt Mephisto:
"Mein Freund, die Kunst ist alt und neu.
Es war die Art zu allen Zeiten,
durch drei und eins und eins und drei
Irrtum statt Wahrheit zu verbreiten.
So schwätzt und lehrt man ungestört.
Wer will sich mit den Narr’n befassen?
Gewöhnlich glaubt der Mensch,
wenn er nur Worte hört,
es müsse sich dabei
doch auch was denken lassen."
Mein lautes Lachen (in Bezug zur eben gehörten Rede und den Aufsatz darüber, wenn ich diesen teuflischen Vers hinschreiben würde...), also, mein lautes Lachen lockte Mutter aus der Küche, weil das Lachen ein seltener Artikel war und sie wissen wollte, was ich da Komisches lese. „Den Faust“ sagte ich. „So? Bei dem gibt es doch nichts zu lachen“, meinte sie. Ich konnte es ihr vor Lachen nicht erklären, und Mutter überließ mich schmunzelnd und kopfschüttelnd meiner Albernheit. Es ist merkwürdig, woran man sich erinnert. An alltägliche Begebenheiten, den Rhythmus von Schritten, das Aufschließen einer Tür, an Geräusche, Gerüche ...
Es war unausweichlich, daß ich durch das Lesen all dieser Literatur, ganz gleich, wieviel ich davon sinngemäß richtig verstand, stark beeinflußt wurde und auch eine Menge daraus lernte. Es bildete sich sozusagen ein Depot, das mir in den folgenden Jahren oft half, menschliches und auch unmenschliches Verhalten zu begreifen und Situationen richtig einzuordnen oder zu ertragen. Denn ich hatte zumindest in der Theorie Vergleichbares erfahren. Und die Erkenntnis, daß die Menschen sich immer gleich bleiben, ob sie nun Federhüte, Perücken oder Stahlhelme tragen, ergab sich daraus.
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