Im Sommer 1941 kommt die zwölfjährige Dorothea nach Berlin zurück, das sie ein Jahr zuvor zwecks Evakuierung nach Oberhof zusammen mit ihrer ganzen Schulklasse verlassen hatte. Die anfängliche Fremdheit ist schnell überwunden und der Alltag geht seinen Gang, so normal, wie das zu Kriegszeiten eben möglich ist.
Jetzt meldete sich auch der „Bund deutscher Mädchen“ wieder. Es gab kein Entrinnen, denn es gehörte nun zur vaterländischen Pflicht, daran teilzunehmen. Also ging ich zum „Dienst“, sehr ungern, denn es schränkte meine privaten Aktivitäten ein. Von Ursel hatte ich eine piekfeine Vorkriegsuniform aus dem Landjahr 1936 übernommen, der Rock war aus bestem Kammgarn, unzerknautschbar und stets adrett. Mit meinen langen Zöpfen sah ich vorbildlich linientreu aus, und das war, wenn man es so nennen kann, eine optische Lüge. Ich haßte die stupide Gleichmacherei in der Masse, in den Köpfen kein eigener Gedanke. Der Leitspruch: „Willst du, daß wir mit hinein in das Haus dich bauen, laß es dir gefallen, Stein, daß wir dich behauen“, mochte gut für Ziegelsteine sein. Mir konnte es nicht gefallen, in eine Form, ob Haus oder sonstwas, gepreßt zu werden. Ich unterwarf mich notwendigerweise den Regeln, ging pünktlich zum Dienst und grüßte zackig mit dem „deutschen Gruß“, wenn ich Uniform trug. Und das brachte mir die letzte Ohrfeige von Mutters kräftiger Hand ein.
Die Geschichte kurz erzählt: Im Hause wohnte das jüdische Fräulein Litauer, eine kleine, ältere Dame, ohne genügend Geld zur Emigration. Mutter unterhielt sich mit ihr, in der offenen Haustür stehend, wo jeder ihr „Vergehen“ sehen und sie anzeigen konnte. Nun kam ich anmarschiert, stramm in Uniform und gewohnheitsmäßig stramm mit „Heil Hitler“ grüßend. Das letzte Wort war kaum ausgesprochen, da hatte ich einen Schlag sitzen, daß mir der Kopf nach hinten flog. Mutter tobte: „Sofort entschuldigst du dich! Diesen Menschen wird das Schlimmste angetan, und du wagst es, so zu grüßen.“ Ich stammelte nur: „Entschuldigung, das habe ich nicht bedacht“. Mutter fauchte mich wütend an: „Du bist alt genug, um zu überlegen, was du sagst. Ich muß mich für dich schämen.“ Dazwischen das äußerst besorgte Fräulein Litauer, händeringend bemüht, Mutter, diese kleine Furie, zu beschwichtigen: „Um Gottes willen, machen Sie sich nicht unglücklich!“ Man bedenke: In aller Öffentlichkeit wird ein deutsches Mädchen, im „Ehrenkleid des Führers“, in Gegenwart einer Frau mit dem gelben Davidstern am Mantel, geschlagen und beschimpft! Es wurden schon Leute für weniger denunziert und verhaftet. Aber erstens hatte wohl gerade kein Denunziant geguckt, und zweitens, auch Mutter war kein Stein, der sich behauen ließ, und welche Richtlinien sie ihrem Kind für’s Leben mitgab, unterlag nur ihrer Entscheidung, basta! Sie war großartig, und die Ohrfeige empfand ich als durchaus gerecht. Es dauerte lange, bis ich Mutter wieder versöhnen konnte. Ihr Zorn legte sich zwar, aber sie blieb bedrückt. Wie sollte die Zukunft aussehen, wenn mitmenschliches Verhalten als strafbare Handlung verfolgt werden konnte? Die Begebenheit an der Haustür, obwohl ohne Folgen geblieben, machte es deutlich, in welch grauenhafte Situation die Menschen in Deutschland geraten waren: In Schuld verstrickt oder schweigend die einen, andere grausam verfolgt.
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