Im Jahr 1942 nehmen die Bombenangriffe auf Berlin zu. Viele Menschen verlieren ihre Wohnung, ihre Angehörigen oder selbst das Leben. Die ständige Angst der Menschen und die knapper werdenden Lebensmittel machten das Leben schwer.
Die Weihnachtsstimmung 1942 wurde so gut es ging aufrecht erhalten. Wir wollten uns das nicht nehmen lassen, und Mutter tat ihr Bestes, um uns in kulinarische Feststimmung zu bringen. Sie hatte vorher schon Lebensmittel dafür angespart, und zusammen mit den weihnachtlichen Sonderzuteilungen hatten wir es gut. Hinter vorgehaltener Hand ging ein Witz um: Weihnachten fällt dieses Jahr aus. Josef ist eingezogen, Maria beim „Roten Kreuz“, das Jesuskind evakuiert, der Ochse auf Lebensmittelkarte, und nur mit dem Esel kann man nicht Weihnachten feiern. An dieses Fest wurden so viele Hoffnungen geknüpft, hauptsächlich die, daß nächstes Jahr Frieden ist.
Zu Sylvester wollte ich es lustig haben und traktierte meine geplagte Schwester mit Verkleidung und albernen Papphütchen. Zur besonderen Belebung der Sylvesterstimmung kaufte ich mir eine Tüte voll Knallerbsen, mit denen ich Mutter in Rage brachte. Denn wenn ich sie hinter ihr fallen ließ, hinterließen sie auf ihrem ordentlich gepflegten Fußboden knirschenden Kies, von dem Schreck, den sie jedesmal bekam, ganz abgesehen. Ich war eben manchmal eine rechte Landplage, und Mutters Frage war berechtigt, wann ich nun endlich vernünftig werde. „Nach Sylvester,“ versprach ich ihr, umfaßte sie fest und gab ihr viele alberne „Stubs-Küsschen“, die sie wieder zum Lachen brachten. So machte ich das meistens, wenn ich sie geärgert hatte. Manchmal sagte sie dann: „Hau bloß ab!“ Dann war wirklich dicke Luft. Unsere Wünsche für das Jahr 1943 waren die gleichen wie zu Weihnachten: Frieden und daß alle unsere Lieben unversehrt bleiben. An den „Endsieg“ konnte kaum noch jemand ernsthaft glauben, denn an allen Fronten gewannen die Gegner an Stärke und Raum. Die bis dahin so häufigen Sondermeldungen im Radio wurden seltener, und in Rußland begannen die massiven Angriffe auf die vorspringenden Frontbogen der Deutschen. Die wahre Meinung tat sich wiederum im Witz kund. Sagt ein Berliner Landser: „Wenn der Krieg aus ist, mach ick ‘ne Radtour um Jroßdeutschland.“ Fragt sein Kumpel: „Und wat machste nachmittags?“
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