Nachdem Dorothea die Volksschule abgeschlossen hatte, ging sie ins Landjahr nach Ostpreußen. Da ein soziales Jahr nach der Schule für alle Jugendlichen obligatorisch war, war ihr die harte Landarbeit lieber, als bei irgend einer kinderreichen Familie eines Parteimitglieds zu putzen. Der folgende Text gibt ein kleines Stimmungsbild:
An den Nachmittagen versammelten wir uns im Tagesraum, machten Handarbeiten, während vorgelesen wurde, übten Lieder ein oder hatten „Nationalpolitischen Unterricht“. Die zehn Jahre Nationalsozialismus waren in der Schule und bei den Heimabenden in Berlin schon genug durchgekaut worden, so bezogen sich nun die Themen auf Brauchtum und den hohen Wert der Germanen im Verhältnis zu allen anderen Rassen Europas. Hochgewachsen, blond und blauäugig mußte man sein, wenn man etwas taugte, nur Germanenblut war gut. Und welchen Stellenwert hat ein Beethoven oder Schubert, ein Rembrandt, Raffael, da Vinci oder Michelangelo, ein Kant, ein Kopernikus oder Albertus Magnus? Sie hatten in unseren Köpfen nichts zu suchen und waren in den meisten auch nicht vorhanden, so daß Platz war für alle germanischen Übermenschen. Bei den Diskussionen in der Runde machte ich die Erfahrung, daß meine Ansicht über menschliche Werte hier fehl am Platze war, die Lagerführerin zog sie ins Lächerliche, so einfach war das. Die Sache war nur die: Ich wußte, worüber ich redete, aber die Mädchen wußten nicht, worüber sie lachten. Somit litt ich nicht darunter, sondern hatte dazugelernt. Mir wurde klar, warum Wissen geradezu unerwünscht war. Geschichte wurde eben durch Kriege, Siege und Feldherren bedeutend und nicht durch die Geistesgrößen der Menschheit. Helden braucht das Land, nicht Hirne. Indoktrination verbietet eigenständiges Denken, aber Gedanken sind schließlich frei! Fortan hielt ich die Klappe, aber es war ausgesprochen widerwärtig, sich auf das Niveau eines einäugigen, scheuklappentragenden Esels zu begeben. Was hatte ich mir denn vorgestellt? Daß im Landjahr Individuen mit allen Facetten eigenen Denkens und Handelns gefördert würden? Doch wohl nicht, wozu also die Aufregung.
Bald war uns alles vertraut, wir flitzten nach der Pfeife, wohin auch immer wir befohlen wurden, standen selbst bei strömendem Regen vor dem Fahnenmast, zogen morgens die Flagge auf und holten sie abends, oft triefend, wieder ein, den Arm zum „deutschen Gruß“ erhoben und tapfer das angesagte Lied zu Ende singend, während uns das Wasser den Arm hinunter lief. Wir kannten die Erfordernisse sämtlicher Appelle und bauten unsere Strohsackbetten in vorgeschriebener Kastenform, angeleitet und kommandiert von drei Führerinnen: Die schon erwähnte Lagerführerin, eine Gruppenführerin, deren Funktion mir nie so recht klar war, und einer Wirtschaftsführerin, welche die Küchengruppe anleitete, mit sparsamsten Mitteln das Essen für ca. vierzig Mädchen zu kochen. Sie hieß Kiesel und war eine Sonderanfertigung des Schöpfers, aus Restbeständen hergestellt. Auf einem gewaltigen Untergestell, getragen von zwei kräftigen Säulen, ruhte ein zierlicher Oberkörper, flankiert von Armen, die den Beinen entsprachen. Der kleine Kopf verhielt sich zur Gestalt wie der Fluchtpunkt zur Perspektive, nur die Nase harmonierte mit dem Untergestell und schwang sich kühn über den kleinen Mund. Das ganze Gebäude war etwa einsachtzig hoch, und ihre Schritte dröhnten durch das Haus, was bewirkte, daß in der Küche immer alles in tadelloser Ordnung war, wenn sie dort eintraf. Das Verblüffendste war ihre leise und sehr hohe Stimme. Nach dem ersten Schock gewöhnten wir uns an dieses unschöne Wesen („Sie is ja noch keene zwanzich, da verwächst sich det vielleicht noch“), und da sie uns nicht ärgerte, taten wir es auch nicht.
Nach vier Wochen der Eingewöhnung wurden wir den verschiedenen Bauernhöfen zugeteilt. Bevor wir dort unseren Dienst antraten, wurden wir mit derbem Schuhwerk versorgt. Im Schuhputzraum stand ein Regal voller gut eingetragener Schnürschuhe, die einige vorhergehende Lagerjahrgänge, den Schuhgrößen nach waren es Knaben, hinterlassen hatten. „Sucht euch was Passendes aus, hier ist Zeitungspapier“, war die knappe Anweisung. Das Papier brauchten wir dringend, denn die Botten waren die reinsten Oderkähne. Mit einigen Lagen Zeitungspapier gingen sie beim Laufen wenigstens nicht verloren, man mußte sie nur rechtzeitig neu auspolstern, bevor das Papiermehl beim Laufen aus den Hacken staubte.
Jeweils zwei Mädchen gingen zu einem Bauern, meine Kollegin hieß Margot. „Unser“ Bauernhof wurde von Bruder und Schwester bewirtschaftet, die Leute hießen Binder. Am ersten Tag lernten wir nur die Schwester kennen, eine sehr schweigsame Person, die kaum ein „Guten Tag“ über die Lippen brachte. Wir bekamen von ihr je eine Hacke in die Hand gedrückt und wurden zu einem Rübenfeld geführt, wo wir die kleinen Rübenpflänzchen vom Unkraut befreien und den Boden auflockern sollten. Wir hatten noch nie eine Hacke in der Hand und konnten keinesfalls das Unkraut von den Rüben unterscheiden. Die ostpreußische Landfrau nahm schweigend eine Hacke und zeigte uns, wie wir das Ding handhaben sollten. Dann drehte sie sich um und verließ uns und das nun schutzlos ausgelieferte Rübenfeld. Wir versuchten herauszufinden, wie Rübenblättchen aussehen, und ermittelten das durch Abstand und Regelmäßigkeit des Erscheinens. Dann gingen wir entschlossen auf das Grünzeug los und arbeiteten uns durch die Furchen, ohne Hoffnung, jemals mit diesem Riesenfeld fertig zu werden.
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