Ursula, Dorotheas ältere Schwester, hatte als Hochschwangere das von ständigen Bombenangriffen bedrohte Berlin verlassen und fand bei Verwandten ihres Mannes in Ostpreußen Unterkunft. Nachdem sie dort ihr erstes Kind gesund zur Welt gebracht hatte, brannte Dorothea darauf, ihren kleinen Neffen sehen zu können.
Ich wollte meine Schwester besuchen und bat um Urlaub, den ich von Weihnachten 1943 bis kurz nach Neujahr auch bekam. Ich packte meine Privatsachen in den Koffer und fuhr nach Oschern, um den Nachwuchs zu bewundern. Mutter kam auch dorthin, und das war von Berlin aus eine aufreibende Tour in überfüllten Zügen, häufigem Umsteigen, wenn die Strecke unterbrochen war, eingepfercht zwischen Menschen und Gepäck im Gang mit vernagelten Fenstern. Ich war schon vor Mutter eingetroffen, so konnten Ursel und ich sie gemeinsam vom Zug abholen. Es war Abend und stockfinster, wir konnten uns kaum erkennen, mußten uns über die Gleise zum Weg durchtasten. Es war kein fröhliches Wiedersehen, Mutter war total erschöpft, stolperte in der Finsternis und fiel hin. Mir drehte sich das Herz im Leibe um, Gott sei Dank hatte sie sich nicht schwer verletzt. Man hätte diese Ankunft als Omen betrachten können, denn im weiteren Verlauf unseres Besuches nahmen die Unannehmlichkeiten zu.
Die Wohnverhältnisse einfacher Leute auf dem Lande in der Mitte Ostpreußens waren sehr bescheiden, und die Unterkunft, die wir für eine Woche beziehen sollten, war ausgesprochen dürftig. Das Häuschen war auf den blanken Lehmboden gebaut, hatte eine Küche und eine Stube, in der vier Betten rund um die Wände standen. Die zwei kleinen Fenster waren jetzt im Winter mit Moos verstopft, und ein zweites Fenster war von der Stube aus davor genagelt. Gelüftet wurde durch die Eingangstür in der Küche, wenn der Lehmfußboden gefegt wurde. Mutter war entsetzt, gab sich aber große Mühe, das nicht gleich zu zeigen, denn immerhin waren die Leute bereit, uns trotz der Enge aufzunehmen. Ihre Sorge galt vor allem ihrem Enkelkind Reinhard: „Um Gottes Willen, Ursel, hier kannst du nicht bleiben, der Junge wird ja skrofulös, vier Menschen schlafen in einem unbelüfteten Raum, hast du dir mal die Strohsäcke angesehen? Nur noch staubiger Häcksel, du mußt hier weg!“ Die Vorstellung, daß ihre Tochter unter diesen Umständen ohne Schaden zu nehmen ihr Kind bekommen hatte, war schon schlimm genug und grenzte an ein Wunder. Die hygienischen Verhältnisse, ganz abgesehen von dem kleinen Verschlag im Schweinestall, der als Klo diente und im Winter warm war, waren für Mutter unerträglich, und sie konnte im Laufe der Zeit ihre Meinung nicht verbergen. Sie meinte, wenn man so beengt lebt, darf man nicht noch eine Dauereinquartierung aufnehmen, wenn es nicht ein Notfall ist, schon gar nicht eine werdende Mutter. Und zu Ursel, am Ende ihrer Nerven: „Mädel, wo hast du bloß deine Augen gehabt, hast du das alles nicht gesehen?“
Damit war klar, daß wir dort nicht bleiben konnten. Das Jahr 1944 begann damit, daß wir unsere Sachen zusammenpackten, Reinhard so warm wie möglich in seinem Kinderwagen verstauten und am Nachmittag loszogen, um bei einer Tante Susanne, die im Nachbarort wohnte, Unterkunft zu finden. Der Abend wurde nicht sehr finster, denn es war Vollmond und alles war dick verschneit. Unser Weg ging, nach meiner Erinnerung, querfeldein, aber Ursel fand sich tadellos zurecht.
Es war schwer, mit unseren Koffern und dem Kinderwagen durch den dicken Schnee zu kommen, deshalb ging Ursel voraus, um Hilfe zu holen. Inzwischen war dichter Nebel aufgezogen, Mutter und ich standen inmitten einer weißen, undurchdringlichen Suppe, hörten die Käuzchen schreien, was durch den Nebel schauerlich wie Hilfeschreie klang, und fürchteten, daß in der Kälte das Baby zu Schaden käme. Die Zeit schien uns endlos lang zu sein, seit Ursel vorausging. Wir wollten ihr entgegengehen, riefen nach ihr so laut wir konnten, aber der Nebel verschluckte alles, wir gingen in die falsche Richtung, fürchteten, uns restlos in der weißen Öde verirrt zu haben, fanden uns endlich doch wieder: „Gott sei Dank! Warum seid ihr nicht dort stehen geblieben, wir haben euch gesucht!“, sagte Ursel mit berechtigtem Vorwurf, aber wir glaubten nun mal, das Richtige zu tun. Die Tante Susanne nahm uns herzlich auf, wärmte und stärkte uns und sorgte für Nachtlager. Emsig herumwirtschaftend meinte sie, es hätte sie längst gewundert, daß Ursel es dort so lange aushielt. Früh am nächsten Morgen mußte ich wieder zurück nach Sonnigkeim. Wie lange Mutter noch dort blieb, weiß ich nicht mehr, Ursel verließ Ostpreußen in der folgenden Zeit und wurde nach Sachsen evakuiert.
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